Eine erstaunliche Entwicklung

Vom 09. August bis 06. September präsentiert der Kunstverein Hochrhein e.V. die Fotoausstellung „Dolce Vita & Wirtschaftswunder“ im Kulturhaus Villa Berberich in Bad Säckingen. Stattsofa spricht mit dem Vereinsvorsitzenden und Ausstellungskurator Frank van Veen.

Stattsofa: Italienische Lebensart, vor allem in kulinarischer Hinsicht, ist in unserem Alltag ganz präsent. Das war aber nicht immer so!

Frank van Veen: Das stimmt. Meine Mutter wusste z.B. nicht, was eine Pizza ist, und mein Vater hätte nie Spaghetti gegessen. In der Küche meiner Mutter gab es Salz und gemahlenen weißen Pfeffer, keine anderen Gewürze. Knoblauch war ein No Go. Meine ersten Spaghetti mit Tomatensoße habe ich, ungelogen, als Student gegessen.

Stattsofa: Was war Ihre Motivation, diese Ausstellung zu konzipieren?  

Frank van Veen: Wir wollten in der Sommerzeit etwas zeigen, was mit Erfahrungen und Lebenswirklichkeit der Menschen in Verbindung steht. Dabei gehen wir das Thema durchaus kritisch an. Dazu kam, dass sich im vergangenen Jahr das „Anwerbeabkommen“ zwischen Deutschland und Italien zum 70 Mal gejährt hat. Auf der Grundlage dieses Abkommens kamen in den 50er und 60er Jahren die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland.

Stattsofa: Die juristischen Wurzeln dieses Anwerbeabkommens liegen in den 30er Jahren. Dies führt direkt zu der wenig „gastfreundlichen“ Behandlung der ersten „Gastarbeiter“.

Frank van Veen: Die ersten italienischen Gastarbeiter wurden von den Deutschen als billige Arbeitskräfte betrachtet und man begegnete ihnen mit Misstrauen. Untergebracht waren sie in Baracken, ein Kontakt zur deutschen Bevölkerung war nicht gewünscht. Arbeiten durften sie, anfangs zu Hungerlöhnen, aber dann, so die allgemeine Meinung, sollten sie auch wieder zurück nach Italien.

© Galerie Bilderwelt, Tony Vaccaro

Stattsofa: Der damals populäre Schlagertext „zwei kleine Italiener“ romantisierte die Lebenssituation der Gastarbeiter und erscheint aus heutiger Sicht als diskriminierend.

Frank van Veen: Gleichzeitig allerdings begeisterten sich die Deutschen für den Urlaub in Italien, sobald sie sich das leisten konnten. Sonne, Meer und zunehmend auch italienische Lebensart zu genießen, wurde ein Massenphänomen, das im Begriff „Teutonengrill“ für die Adriastrände gipfelte. Diese Ambivalenz zeigen wir mit unseren ca. 80 Fotos und drei Filmen. Am 23. August, 11:00 Uhr wollen wir in einem Gespräch mit einem italienischen Mitbürger diese Vergangenheit lebendig werden lassen

Stattsofa: Italien als attraktiver Aufenthaltsort führte dazu, dass ein Stück der südlichen Lebensart auch bei uns heimisch wurde und heute nicht mehr wegzudenken ist.

Frank van Veen: Ja, aus der anfänglichen Fremdheit wurde etwas sehr Gutes. Italien ist bis heute das Sehnsuchtsland der Deutschen. Italienische Kultur ist für uns selbstverständlich: In Bad Säckingen gibt es mehr italienische Restaurants als deutsche. Sogar meine Mutter aß irgendwann Pizza und das gerne. Inzwischen lebt die vierte Generation mit italienischen Wurzeln in Deutschland, ein großartiges Beispiel eines zusammengewachsenen Europas. Ein Gitarrenkonzert mit Gaetano Siina am 30. August um 11:00 Uhr vermittelt die Freude an dieser Entwicklung

Stattsofa: Wir wünschen der Ausstellung und den Begleitveranstaltungen viele Besucher!

 

Text: Sylvia Vetter