Kunst aus einem Stift
Die Ausstellung im Kreismuseum vereint zwei Kunstrichtungen: die Jahrtausende alte klassische Skulptur und die junge Bildsprache des japanischen Mangas. Gemein ist beiden Stilen, Schönheit und Emotionen der menschlichen Gestalt einzufangen. Stattsofa hat sich mit dem jungen Künstler Shufan Liu getroffen und über seine Ausstellung - eine Kooperation der Kunstwerkstatt am Kolleg St. Blasien, des Bildhauersymposiums und des Kreismuseums St. Blasien - gesprochen.
„Aus einem Stift – von der Antike bis zu Manga“ lautet der Titel der ersten öffentlichen Ausstellung von Shufan Liu. Die Schau im Kreismuseum St. Blasien vereint zwei augenscheinlich gegensätzliche Kunstwelten: die zeitlose Eleganz der klassischen europäischen Skulptur und die dynamische Ästhetik des Mangas. Besonders faszinierend an den meisten Werken von Liu ist sein einzigartiger Umgang mit scheinbar einfachen Zeichenwerkzeugen: Kugelschreiber, Bleistift und Fineliner. Durch den Einsatz vielfältiger Techniken gelingt es ihm in seinen Arbeiten, damit eine ganz eigene Bildsprache zu entwickeln.
Die Ausstellung, gefördert und begleitet von Laila Sahrai, Leiterin der Kunstwerkstatt des Kollegs St. Blasien, lädt dazu ein, die überraschenden Gemeinsamkeiten und gestalterischen Möglichkeiten dieser beiden Kunstrichtungen zu entdecken.
Beide Stile haben das Ziel, Schönheit und Emotionen der menschlichen Gestalt einzufangen“
Shufan Liu
Liu Shufan, 19 Jahre alt, stammt aus Shanghai und besucht seit 2022 das Kolleg St. Blasien. In der unterrichtsfreien Zeit ist er oft im Atelier der Kunstwerkstatt anzutreffen. Derzeit macht er sein Abitur. Danach möchte er Mathematik studieren, wobei das Zeichnen auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil seines Lebens bleiben soll. In der Ausstellung im Kreismusem St. Blasien werden 40 ausgesuchte Werke gezeigt.
Stattsofa: Shufan, deine Wahl von Zeichenwerkzeugen wie Kugelschreiber, Bleistift und Fineliner für derart komplexe und detailreiche Kunstwerke ist bemerkenswert. Was fasziniert dich an diesen scheinbar einfachen Mitteln, und welche besonderen Herausforderungen oder Vorteile bieten sie dir im künstlerischen Schaffensprozess im Vergleich zu beispielsweise Ölfarben oder Acryl?
Shufan Liu: Ehrlich gesagt gab es keinen philosophischen Grund, warum ich für meine Arbeiten einen Kugelschreiber anstelle anderer Materialien gewählt habe. Als ich das Zeichnen von Skulpturen lernte, benutzte ich natürlich Bleistifte, ganz Anfänger eben. Bleistifte hatten jedoch einige offensichtliche Nachteile: Es ist schwierig, die Zeichnungen lange sauber zu halten, und der Kontrast ist nicht sehr stark. Später begann ich mit Kugelschreibern zu zeichnen, da diese länger halten und mehr Kontrast erzeugen. Der größte Nachteil eines Kugelschreibers ist, dass ich beim Zeichnen keine Fehler machen darf. Tatsächlich wurde ich oft gefragt: „Was passiert, wenn du einen Fehler machst?“, und meine Antwort war: „Ich mache keine Fehler.“ Trotzdem fertige ich zur Planung immer zuerst eine Bleistiftskizze auf Papier an.
Stattsofa: Die Ausstellung verbindet Antike und Manga – zwei Stilrichtungen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Fusion in deinen Arbeiten? Gibt es gemeinsame Nenner oder Botschaften, die du durch die Kombination dieser beiden ästhetischen Welten vermitteln möchtest?
Shufan Liu: Ich habe mit dem Zeichnen europäischer Skulpturen begonnen. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich in der Schule viel Freizeit und lernte Japanisch im Selbststudium. Dann fing ich an, Animes zu schauen und Mangas zu lesen, was auf jeden Fall meinen Sinn für den Manga-Stil geprägt hat. Skulpturen sind jedoch zweifellos ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der Kunsterziehung im Kolleg und helfen uns Schülern, ein solides Fundament für das Verständnis von Formen und räumlichen Beziehungen zu erhalten. Tatsächlich versuchen beide Kunststile, die idealisierte Schönheit des menschlichen Körpers einzufangen.
Stattsofa: Dies ist deine erste öffentliche Ausstellung. Welche Bedeutung hat dieser Schritt für dich persönlich und als Künstler? Und welche Resonanz oder welches Gefühl möchtest du mit deinen Werken beim Publikum hervorrufen?
Shufan Liu: Da ich an meiner Universität kein Kunststudium absolvieren werde, halte ich es für sinnvoller, meine Schulzeit mit einer solchen Veranstaltung abzuschließen als mit jeder anderen. Ich hoffe, dass das Publikum, obwohl die meisten eher mit europäischen Skulpturen vertraut sind, einen Einblick in die Welt des Manga gewinnen und verstehen kann, wie diese eine imaginäre Welt auf Papier bannt.
Udo Eggi, Kurator - Shufan Liu, Künstler und Laila Sahrai, Leiterin Kunstwerkstatt (v.l..n.r.)
Kunstwerkstatt
Die Kunstwerkstatt (KWS) am Kolleg St. Blasien ist eine Jugendkunstschule, die Kindern und Jugendlichen ein vielfältiges Programm für künstlerisch-ästhetische Bildung bietet. Die KWS deckt dabei den künstlerisch-kreativen Teil der vielfältigen AGs des Kollegs ab. https://www.kolleg-st-blasien.de/kunstwerkstatt-konzept
Shufan Liu interessierte sich schon früh für die Kunstwerkstatt und probierte verschiedene Techniken und Stile aus. Zur Würdigung seines Schaffens widmet die KWS Shufan Liu eine Ausstellung im Kreismuseum, realisiert durch eine Kooperation mit dem Bildhauersymposium und dem der Hochschwarzwald Tourismus GmbH.
Die Ausstellung verbindet zwei Kunstrichtungen: die klassische westliche Skulptur und das moderne Manga aus Japan.
Zusätzlich werden Tonobjekte zum Thema „Meeresbewohner aus dem Salzwasser“ aus dem Töpferkurs der KWS von Saskia Kaiser gezeigt. Die Ausstellung läuft parallel zum Bildhauersymposium vom 05. Juli bis 18. Oktober 2026.