Das Vermächtnis des Frauenklosters Berau

Das Frauenkloster Berau stellte bis 1834 eines der religiösen Zentren des Südschwarzwaldes dar. Die Sonderausstellung „Der lange Atem der Berauer Nonnen“ des Vereins Historisches Berau e.V. geht dem wenig bekannten Schicksal der Glaubensgemeinschaft nach. Stattsofa hat mit dem Vorsitzenden Ralf Hindsches gesprochen.

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Stattsofa: Das Wissen um die Männer-Benediktinerabtei St. Blasien und ihre historische Bedeutung ist in der Region viel stärker ausgeprägt als jenes um das ehemalige benediktinische Frauenkloster Berau. Woran liegt das?

Ralf Hindsches: Nun, es liegt effektiv an den Ereignissen, der Größe und dem Lauf der Zeit. St. Blasien war das Mutterkloster von Berau, zudem ein Männerkloster, das üblicherweise ein höheres Ansehen hatte. In den Zeiten der Säkularisation wurde jedoch die Bedeutung beider Klöster, Berau und St. Blasien, auf einen Schlag entzogen und deren Lebensexistenz vernichtet. Alles, was einmal als unantastbar galt und nur Privilegierten Zutritt gestattete, war nun offen, für jedermann gleich. Nutzbare Gebäude waren der größte Wert der darauffolgenden Nutzer und wurden so einem neuen Bedarf nach umgewandelt.

Wohl hatten auch die Leute genug von »Kloster«. Das Verdrängen und Vergessen über die Klöster nahm seinen Lauf. St. Blasien hatte durch seine baulichen Ausmaße und vor allem durch den Dom doch einiges mehr zu bieten als Berau. Obwohl die letzten Nonnen noch bis ins Jahr 1834 in den verwohnten Gebäuden lebten und geduldet wurden, war der helle Schein, das Ansehen, die Hochachtung gegenüber dem Kloster in der Bevölkerung schon lange erloschen. Das Interesse und Wissen über das Kloster und seiner Glaubensgemeinschaft nahm in der Bevölkerung kontinuierlich ab – es wurde nicht mehr darüber geredet. Alle nach dem letzten Brand 1846 übriggebliebenen Gebäudereste wurden verkauft, abgerissen, umgenutzt oder umgestaltet. So steigerte sich das Vergessen und am Ende blieb nur noch das mächtige Propsteigebäude der weitläufigen Klosteranlage sichtbar.

Ralf Hindsches: "Unser Effort besteht darin,  die geschichtliche Bedeutung wieder sichtbar zu machen". 

Stattsofa: Die Verbindung des Frauenklosters Berau zum Abt in St. Blasien war ja nicht ganz konfliktfrei. Das Abhängigkeitsverhältnis wurde über die Jahrhunderte stets neu verhandelt. Kann man von Emanzipationsbestrebungen der Frauen von Berau sprechen oder wäre das eine zu moderne Betrachtungsweise?

Ralf Hindsches: Die Eigenständigkeit des Frauenklosters gegenüber St. Blasien wurde von Anfang an begrenzt. Das Kloster war Zeit seines Bestehens dem Abt von St. Blasien unterstellt. Keine dem Abt konkurrierende und amtsgleiche »Äbtissin« wurde geduldet. Innerhalb dieser Grenzen versuchte die Gemeinschaft ihr Leben im Kloster möglichst selbst zu gestalten. Über die 700 Jahre verschoben sich offenbar immer wieder die Fronten, was die Eigenständigkeitsbestrebungen bzw. die Bevormundung der Frauengemeinschaft angeht. Es kamen Äbte, die wohlwollender und solche, die strenger gegenüber dem Klosterkonvent eingestellt waren. Ebenso waren die Persönlichkeiten auf Seiten der Meisterinnen unterschiedlichen Charakters. Es gab kämpferische, aber auch stille Frauen. Es gab Zeiten, in denen die Frauen größere Freiheiten genossen und Zeiten, in denen sie sich einem strengen Diktat fügen mussten. Im Kloster konnten Frauen Freiheit erleben, außerhalb der Klostermauern sah es für Frauen meist sehr eingeschränkt aus. Stand die Klostergemeinschaft jedoch unter einer strengen Klausur, waren die Frauen in ihrer Bewegung wie auch im Tagesablauf streng reguliert, sie waren praktisch eingesperrt – dann waren emanzipierte Bestrebungen praktisch kaum möglich.

Ich denke, ansatzweise, in der Basis, haben in verschiedenen Zeiten Klosterfrauen sich kämpferisch für bestimmte Freiheiten eingesetzt und auch Erfolge damit erzielt. Ob man das mit heutigen Bestrebungen gleichsetzen kann? … ich denke, es waren sicherlich viele zweckgebundene Kämpfe für die Gemeinschaft, aber als Folge daraus emanzipierten sich Frauen dadurch ein Stück.

Eine Attraktion der Ausstellung im Kreismuseum St. Blasien: Das maßstabsgetreue Klostermodell. 

Stattsofa: Sympathisiert man bei der jahrelangen Erforschung der genannten Konflikte als Berauer nicht etwas mit den Berauer Nonnen? Oder wahren Sie da ganz die Neutralität des Historikers?

Ralf Hindsches: Es ist ja meist wie in einem Film: Dem Gerechtigkeitsempfinden nach, sympathisiert man meist mit dem sogenannten Underdog oder auch unfair Behandelten. Wenn man aber historische Hinterlassenschaften auf emotionaler Ebene beurteilen möchte, bewegt man sich doch oft auf dünnem Eis. Ob jetzt der Abt immer auf der schlechten Seite war und die Frauen auf der guten, möchte und kann ich nicht beurteilen. Es gab Äbte die offensichtlich engagiert Gutes für die Gemeinschaft gemacht haben und von anderen liest man nicht viel. Deswegen bleibt meine Sympathie, auch als Berauer, eher neutral und wertfrei. Meine Sympathie gilt der spannenden Geschichte an sich, die sich in dem heute so anderen Berau ereignet hat.

Großer Besucherandrang: Vernissage der Initialausstellung in der Berauer Falkensteinhalle im April 2023.

Stattsofa: Nach einer sehr erfolgreichen, aber kurzen Ausstellung im April 2023 in der Falkensteinhalle in Berau stellt Ihr Verein ein Best-Of der Ausstellung ab dem 27. Dezember 2023 im Kreismuseum St. Blasien aus. Welche regionale Bedeutung hat denn das Kloster Berau heute? Gibt es so etwas wie ein Vermächtnis, das Sie bewahren wollen?

Ralf Hindsches: Unser Effort besteht gerade in dem, dass wir die geschichtliche Bedeutung wieder sichtbar machen und ein vergessenes Stück unserer gemeinsamen Kultur ins Gedächtnis zurückholen wollen. Ein Hauptbeweggrund dabei ist, Menschen dafür zu begeistern und zu sensibilisieren, damit Sie den Wert unseres Kulturguts erkennen und entgegen den Gepflogenheiten unserer Wegwerfgesellschaft Einzigartiges bewahren. Denn kein Kulturgut wächst nach. Wird es zerstört, ist es unwiederbringlich verloren.

Es ist ein Muss, der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu bieten, dieses geschichtskulturelle Vermächtnis dauerhaft aufzeigen zu können und ins Bewusstsein zu holen. Das ehemalige Kloster, 700 Jahre regionale Geschichte, hätten zumindest eine solche Wertschätzung verdient. Die Bedeutung für das heutige Berau ist mehr als überschaubar, unser Bestreben ist dies zu ändern. Eine dauerhafte Präsentation der Geschichte, vielleicht in Berau selbst, wäre für Berau, die Gemeinde und darüber hinaus, eine zukunftsorientierte Attraktion und würde ein Bewahren des Vermächtnisses fördern.

Fragen: Eduardo Hilpert. Fotos: Historisches Berau – Verein für Heimatgeschichte e.V.