„Meine Werke versetzen die Betrachter an einen anderen Ort, in eine andere Zeit“

Im Tiengener Schloss zeigen das Kulturamt der Stadt Waldshut-Tiengen und der Kulturverein „Freunde Schloss Tiengen“ derzeit die Ausstellung „Schichtungen“ von Tanja Niederfeld. Die Künstlerin beantwortet für Stattsofa einige Fragen.

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Stattsofa: Frau Niederfeld, was hat Sie zur Malerei inspiriert? 

Tanja Niederfeld: Gemalt habe ich privat immer schon. Das ergänzt für mich die Druckgrafik im Besonderen! Dort erarbeite ich mir zuerst die Form und dann kommt im zweiten Schritt die Farbe dazu. Bei der Malerei ist es umgekehrt - zuerst steht die Farbe zur Verfügung, dann stellt sich die Frage nach der Form. Außerdem ermöglicht die Malerei größere Formate.

Stattsofa: Ihre Kunst ist sehr vielfältig. Beschreiben Sie uns Ihr künstlerisches Konzept?

Tanja Niederfeld: Ja, das erscheint vielfältig, hängt aber eng zusammen. Denn ich arbeite insgesamt weniger prozesshaft (was bedeutet, dass beim Tun die Ideen fließen und weiterentwickelt werden), sondern mehr konzeptionell. Das bedeutet, ich habe einen konkreten Plan für ein Werk.

Jede Technik hat Vorteile, die ich nutze. Beim Holzschnitt entsteht zum Beispiel erst die Form, dann die Farbigkeit, und damit die Stimmung. Bei der Malerei wie den Graffitis komme ich aus der Stimmung zur Farbe, und daraus zur Motiventwicklung. Bei Gemälden kann ich die Wirkung sofort sehen und prüfen, und dann korrigieren. Das geht beim Holzschnitt natürlich nicht, denn geschnitten ist geschnitten.

Tanja Niederfeld: "Ich habe einen konkreten Plan für ein Werk"

Stattsofa: Wie kamen Sie zur Idee zu ihrer Ausstellung „Schichtungen“? Wie erstellen Sie Schichtungen in Ihrer Kunst und was wollen Sie damit erzeugen?

Tanja Niederfeld: Schichtungen sind für mich grundsätzlich ein wichtiges Element meiner Kunst. Sowohl motivisch als auch von meiner Arbeitstechnik her. Und „Schichtungen“ ist der Titel einer Werkreihe von Holzschnitten.

Beim Holzschnitt werden Farbschichten Schicht für Schicht gedruckt. So überlagern sich dann zehn und mehr feinste Farbschichten. Deren Überlappen und Überlagern erzeugt eine Tiefenwirkung. Es entstehen neue Farbmischungen und dadurch neue Aufteilungen von Bildraum und Bildgefüge. Das alles zusammen bildet weitere Schichten. Bei den Werken, bei denen die Druckplatte selbst zum Kunstwerk wird, schneide ich die Schichten direkt ins Holz, so dass die Schichtlinien der Motive wirklich dreidimensional sind. Der jeweilige Lichteinfall verstärkt und verändert dann zusätzlich den Seheindruck dieser Schichtungen. 

Stattsofa: Im Schlosskeller Tiengen sehen die BesucherInnen grellfarbig gesprühte Graffitis, die gleichzeitig an eine frühere Zeit erinnern. Können Sie uns dies näher beschreiben?

Tanja Niederfeld: Die Graffitis, die ich im städtischen Raum sehe, stammen meist von vielen Sprayern und sind über einen langen Zeitraum entstanden. Sie bilden dadurch Schichten der zeitlichen Abfolge. Stehe ich vor solchen Graffitis, nehme ich durch deren Formen und Farben eine Stimmung wahr, die den Raum verändert und ein „Raumgefühl“ erzeugt. Graffitis sind für mich Zeitschichten, sie erzählen Geschichten. Meine Gefühle und Wahrnehmungen wollte ich nachempfinden. Deshalb stehen auch die Kinderfiguren nicht vor dem Graffiti, sondern sind damit verwoben. Sie sind semitransparent gemalt. So werden sie Teil der Graffitis und damit der Zeitschichten. So wie unsere Erinnerungen.

Zara Tiefert (links, freundeSchlossTiengen) und Tanja Niederfeld bei der Vernissage der Ausstellung.

Stattsofa: In den Schwarzenbergsälen sind von der Schwäbischen Alb inspirierte Kunstwerke zu sehen. Was verbinden Sie mit der Schwäbischen Alb, und mit der Natur im Allgemeinen? 

Tanja Niederfeld: Ich bin sehr gerne und sehr viel draußen in der Natur. Das ist für mich Rückzugsort, Erholung, Entspannung. Und immer auch Inspiration, denn laufend verändern sich die Stimmungen und Seheindrücke. Die Schwäbische Alb ist für mich etwas sehr Besonderes. Einerseits ist sie karg, schroff, rau, trocken und steinig. Aber gleichzeitig auch lieblich, bietet weite Blicke und beeindruckende Horizontlinien mit besonders vielen Stimmungen. Sie ist meine Heimat geworden, ein Teil von mir, ich bewege mich gerne darin.

Stattsofa: Was möchten Sie in den BetrachterInnen auslösen, die Ihre Kunst anschauen?

Tanja Niederfeld: Ich möchte die BetrachterInnen in den Bann ziehen. Dadurch, dass meine Werke sie an einen anderen Ort, in eine andere Zeit versetzen. Sie können vielleicht aus dem Hier und Jetzt in Stimmungen, Erlebnisse oder Wahrnehmungen eintauchen, die sie in sich tragen. Ich will diese Reflektion und persönliche Verortung auslösen, eine Überprüfung der eigenen Position. Meine Kunst soll dadurch immer wieder Freude machen und Energie spenden.

Interview: Layla Nieden

Tanja Niederfeld

Tanja Niederfeld wurde 1964 in Friedrichshafen am Bodensee geboren und hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht. Ab 1985 war sie als Stahlgraveurin tätig, einem handwerklich höchst anspruchsvollen, künstlerischen Beruf. Dazu gehören Druckgrafik (wie z.B. Stahlstiche, Kupferstiche) und Radierung, Zeichnung, plastisches und bildhauerisches Arbeiten. Seit 1991 wohnt und arbeitet Tanja Niederfeld in Reutlingen; seit 1995 als freischaffende Künstlerin.