Tanja Niederfeld

Ausstellung "Schichtungen" im Schloss Tiengen

Vielschichtige Einsichten

Tanja Niederfeld schichtet und kerbt mit Detailgenauigkeit und mit einer Kunst, die viel Zeit und Geduld verlangt – Ein Spaziergang durch die Ausstellung von Tanja Niederfeld im Tiengener Schloss.

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Der Gewölbekeller im Tiengener Schloss lädt zu einer echten Urban Art-Trophäe ein: Tanja Niederfeld, 1964 in Friedrichshafen geboren und auf der Schwäbischen Alb daheim, schafft es in großem Stil und auf großer Fläche, den Schlosskeller in eine Großstadtkulisse zu verwandeln. Graffiti dient ihr als urbaner Horizont, Betonwände als Himmelsersatz, davor Kinderszenen.

Eine Kindergruppe wirkt versunken in ihr Spiel, das zeitlos erscheint. Ein Geschwisterpaar schaut in die Kamera, es weiß nicht so recht, was mit sich anfangen. Ein Mädchen kniet konzentriert und fixiert ein Ziel für ihre Murmel – kleine Nischen im Großstadtgetümmel, kleine Freiheit vor Beton und - ebenso wie das Graffiti - ein Ventil in einer Teenagerseele. Ein überdimensionierter BSR-Mülleimer: Berliner Stadtbild, grell und nicht zu übersehen, omnipräsent und doch im Großstadtalltag so banal wie unauffällig, meist mit Spruch versehen – „Gib’s mir!“ – eine Einladung, ein Augenzwinkern.

"Vielleicht sind doch alles nur Erinnerungen?" Großstadtszene von Tanja Niederfeld im Gewölbekeller des Tiengener Schlosses.  

Aber ist es das Hier und Heute, in dem die Kinder auf Tanja Niederfelds Graffiti spielen? Oder ist es nur die Erinnerung eines Vorübergehenden, eine vergangene Zeitschicht, längst überlagert durch ständig neue Schichten von Graffiti und Zeit und Stadt im Wandel, über- und nebeneinander?  Die Bilder haben räumliche und zeitliche Tiefe, die jugendlichen Protagonisten vor dem 3D-Graffiti wirken wie Luftblasen. Vielleicht sind doch alles nur Erinnerungen?

Mit vielen Fragezeichen im Kopf und dennoch erfrischtem Geist geht es himmelwärts, gen Obergeschoss, in die Schwarzenbergsäle des Tiengener Schlosses. Hier erwartet die Besucher eine Ausstellung von Werken mit viel Eleganz und subtilen Nuancen. Ein Kontrast, der größer nicht sein könnte. Die Künstlerin erklärt ihre Arbeitsweise als Paralleluniversum unterschiedlicher Schaffensformen. Jede Kunstform zu ihrer Zeit, nie parallel. Ihre Dreifaltigkeit besteht aus technisch voneinander unabhängigen Arbeitsweisen, die jede für sich gesehen eine eigene Kunstform darstellen: Malerei, Holzgravur und Drucktechnik.

Eine Druckvorlage, viele Variationen: Holzschnitte von Tanja Niederfeld in den Schwarzenbergsälen. 

Die Reutlingerin Tanja Niederfeld ist gelernte Stahlgraveurin. Die Kunstfertigkeit, mit der sie nunmehr hölzerne Oberflächen bearbeitet und Licht- und Schattenwelten aus den Höhen und Tiefen der Wälder zaubert, verdankt sie zahllosen Spaziergängen durch die Schwäbische Alb während ihres Stipendienaufenthaltes der Stiftung Schloss Fachsenfeld (2019/2020) sowie des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (2021). Diese Arbeiten sind nicht nur technisch unglaublich filigran und gekonnt ausgearbeitet, sie sind auch das Ergebnis wochenlanger Reduktion auf das Wesentliche.

Genau das ist es, was ihre Arbeiten ausmacht: Vielschichtigkeit, und zwar wortwörtlich in mehreren Schritten. Zum Teil arbeitet sie mit Ölfarbe, sodass die Arbeiten je Druck und Schichtung tagelang trocknen müssen, bis eine weitere Farbschicht aufgetragen werden kann. Bis zu neun Schichten trägt sie so aufs Papier. Holzschnitte dienen dabei oft als Druckvorlage, die – mehrfach variiert und mit unterschiedlichen Farbkombinationen versehen – immer wieder anders anmuten: Mal erscheinen Linienführungen wie Wege, mal wie das aufschäumende Meer, mal Gischt, mal Berglandschaften, mal Buchten. Die Künstlerin erklärt das mit der Vielseitigkeit ihrer jahrelangen Wanderungen durch diese urzeitlichen Landschaften, einst geformt durch das Meer. Eine Küstenlandschaft, nunmehr im Landesinneren. Sehnsucht nach dem Meer? Das Licht jeden Tag anders, die Farben daher im Kontrast zum Schwarz-Weiß am Horizont in pastelligen bis grellen Farbtönen. Reduktion der Farbe gilt auch hier. Jede Farbe wird in langer Vorarbeit angemischt und je nach Stimmungslage passend zum Bild akribisch ausgewählt. So vielschichtig die Linienführung, so klarer die Farbgebung: eine Farbe je Bild.

Die jüngsten Arbeiten zeichnen sich, geprägt durch die Erlebnisse des Künstleralltags ohne viel Handlungsspielraum und Publikumsverkehr im Pandemiejahr, durch Farbkontraste aus. Ein Dialog aus je zwei Farben. Spannungen, grell und doch harmonisch. In der Form reduziert und doch vielseitig.

Für Niederfeld gilt: Jeder Baum, jeder Hügel, ist nur eine Metapher, ein Stellvertreter des Individuums. Es geht nicht um diesen oder jenen Weg, einen besonders imposanten Ausblick oder knorrigen Baum. Es geht um das, was uns alle verbindet und dann auch wieder trennt. Eine Vielzahl von Wegen, individuell geformt und formend.

Celina Eckert

Celina Eckert aus Laufenburg ist eine vielseitig interessierte Kulturbeobachterin. Sie schreibt regelmäßig für stattsofa.net und ist auch im Beirat aktiv.