Markus Fleck 

Bratschist im casalQuartett

„Streichquartett - was hat das mit mir zu tun?“

Das casalQuartett wurde 1996 gegründet und ist heute eines der renommiertesten Quartette  im deutschsprachigen Raum. Neben dem abwechslungsreichen Repertoire, der Zusammenarbeit mit verschiedenen künstlerischen Partnern und der Virtuosität im musikalischen Ausdruck ist der im Konzert entstehende, intensive Kontakt mit dem Publikum eines der herausragenden Merkmale dieses Streichquartetts. Vor dem (Corona-bedingt ABGESAGTEN!) Konzert in den Schwarzenbergsälen in Tiengen am 2. Dezember hat sich Stattsofa mit einem Mitglied des Ensembles zum Gespräch getroffen.

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Stattsofa: Goethe beschrieb ein Streichquartett als „Gespräch zwischen vier vernünftigen Leuten“. Können Sie dem zustimmen?

M. Fleck: Wenn man das musikalische Stück als Dialog, als Aktion und Reaktion der Musiker begreift, ist das natürlich ein Aspekt. Aber ein Streichquartett ist viel mehr, eigentlich ist es imstande, instrumentale Dramen zu entfesseln. Haydn sagte, dass hinter jedem Stück eine Geschichte stehe. Aber erst Beethoven und Schubert „erzählen“ in ihren Streichquartetten über sich selbst. Streichquartette sind seitdem in der Musikgeschichte der Fusionspunkt persönlicher Aussagen, die am stärksten subjektiven Stücke. Viele Komponisten haben darin eigene Lebenskrisen beschrieben und bearbeitet.

Stattsofa: Ist die Beschränkung auf die „kleine Form“ des Streichquartettes dabei nicht eine Herausforderung?

M. Fleck: Schon … aber die Begrenzung der Instrumentierung führt in den Harmonien und der Architektur des Stückes zu einer kraftvollen Konzentration. Da alle Instrumente zur gleichen Klangfamilie gehören, entsteht etwas wie ein gleichschwingendes Miteinander. Das kann aber auch „rauschhaft“ werden, eine entfesselte, große, mitreißende Klanglichkeit.

Stattsofa: Damit wächst aus den vier Individuen des Streichquartetts etwas Gemeinschaftliches …

M. Fleck: … das ist das zutiefst Menschliche dieser Formation.

Markus Fleck (zweiter von rechts) und das casalQuartett. (Bild: privat)

Stattsofa: Häufig geben Sie in Ihren Konzerten eine kurze Erläuterung zum Hintergrund oder der Geschichte eines Stückes.

M. Fleck: Ja, wir meinen, dass sich die Konzertbesucher so leichter mit den emotionalen und biographischen Aspekten eines Stückes identifizieren können. Das Publikum soll sich für die Tiefenschichten der Musik öffnen können. Die Kernfrage dabei ist doch: „was hat das mit mir zu tun?“

Stattsofa: Nehmen Sie während des Konzertes wahr, wenn dieser emotionale Resonanzraum entsteht?

M. Fleck: Durchaus … und das wünschen wir uns auch. Manchmal weinen Menschen im Konzert oder halten die Hand ihrer Begleitung, oder zappeln fast vor lauter Anteilnahme. Diese Hingabe an die Musik ist doch das Besondere eines Konzerterlebnisses.

Stattsofa: Wir freuen uns sehr auf das kommende Konzert!

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Sylvia Vetter

Autorin

Sylvia Vetter ist Vorsitzende des freundeschlosstiengen e.V. und eine vielseitig interessierte Kulturbeobachterin. Sie schreibt regelmäßig für stattsofa.net und ist auch im Beirat aktiv.